Wenn Modejournalistinnen Fashionistas anhimmeln

Fashionistas anhimmeln

Fashionistas anhimmeln scheint bei Modejournalistinnen als Tugend zu gelten.

Wenn Journalisten über ein Thema schreiben, dann sollten sie sich bemühen, dies möglichst neutral zu tun. Dass Objektivität allerdings unmöglich ist, sollte man als Volontär in einer guten Ausbilung bereits in der ersten Woche lernen. Was bleibt ist, seine eigene Subjektivität kenntlich zu machen. Oder zu versuchen, sie so weit wie möglich im Zaum zu halten. Aber was ist mit den jungen Journalisten los? Vor allem in der Modeindustrie? Da gibt es anscheinend keine eigene Meinung mehr. Stattdessen scheint die Tätigkeit Fashionistas anhimmeln zur Tugend geworden zu sein. Trends werden nicht gesetzt, man hechelt ihnen hinterher. Ein eigener Stil ist nicht gefragt. Man kopiert das, was andere machen.

Ein aktuelles Beispiel, ohne eigene Meinung kritiklos das zu übernehmen, was andere denken, ist jetzt auf brigitte.de zu lesen. Da schreibt Ann-Christin Gebhardt über fünf „Mode-Must-Haves, auf die Französinnen diesen Winter schwören“. Zu denen, das sei vorweg genommen, auch Strumpfhosen gehören. Nun könnte man fragen: Was interessieren uns Französinnen? Wir essen auch nicht mit Stäbchen, weil Chinesinnen das machen, und wir fahren mit dem Auto nicht auf der linken Seite, weil Neuseeländerinnen das so tun. Diese Erkenntnis hat Gebhardt sogar selbst, wenn sie schreibt, dass „Französinnen ihren Modegeschmack bereits mit der Muttermilch aufnehmen“. Die Betonung liegt auf „ihren“. Dennoch, zurück zur eigenen Meinung, fasst die Autorin ihre Anhimmelung anderer Menschen so zusammen: „Diesen Winter schneiden wir uns deswegen eine extradicke Modescheibe von ihnen ab und shoppen ihre Lieblingsteile einfach direkt nach.“ Bravo. Bloß keine eigene Meinung haben. Macht das Leben einfacher.

Einen journalistischen Stil hat Gebhardt immerhin. Über dessen miserable Qualität, gespickt mit Klischees und unnötigem Fremdsprech, lasse ich mich nicht weiter aus. Was Gebhardt aber zu Strumpfhosen schreibt, die bei ihr, ach, was sind wir cool, Tights heißen, ist ein Hammer. Das, was sie beim „Durchstöbern der Instagram-Feeds der französischen Fashionistas“ festgestellt haben will, ist nur kalter Kaffee: Leomuster habe ich auf dieser Seite zum Beispiel schon Ende September als Trend erwähnt, All-over-Logos, funkelnde Kristalle in einem Beitrag vom 17. Januar), Pünktchen in einem Beitrag vom 12. August und Rauten unter anderem am 5. April. Um diese Informationen zu erhalten, habe ich witzigerweise nicht einen einzigen Instagram-Feed ansehen oder Fashionistas anhimmeln müssen, und Französinnen habe ich schon gar nicht bemüht.

 


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